Pattern Project

9. 8. 2006

Idee

Das Ornament wurde schon oft abgeschafft. Immer wieder gilt es als geschmacklos und taucht doch bald wieder aus der Versenkung auf. Der Grund: Wir Menschen erkennen die Welt durch ornamentale Informationen: Muster, Rhythmen und Schwingungen.
Wir bestehen sogar daraus.

Das Konzept

Das Pattern Project führt im Oktober 2006 Kunst und Wissenschaft zusammen. Es zeigt aktuelle künstlerische Arbeiten zum Themenkomplex Muster, Rhythmus, Ornament. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liefern mit Fachreferaten neue Erklärungen für diese ästhetischen Phänomene, und die Kunst macht diese Erkenntnisse intuitiv zugänglich.

menschen schauen durch Fenster aufs Mannheimer Schloss

Foto: Alexander Bergmann

Kunst

Ausstellung von Malerei, Fotografie, Installation
Performance
Pattern Blog – publizistische Projektarbeit mit Besucherbeteiligung

Wissenschaft
Fachreferate aus den Bereichen Mathematik, Theoretische Physik, Kunstgeschichte, Hirnwissenschaft, Soziologie und Architektur

Alles Geschmackssache

Der Geschmack am Ornament wurde oft verteufelt und kehrte ebenso oft wieder. Schon Johann Wolfgang von Goethe lässt in Herrmann und Dorothea den Apotheker klagen:
„Ich gehe verdrießlich kaum mehr hinaus; denn alles soll anders sein und geschmackvoll, wie sie’s heißen, und weiß die Latten und hölzernen BÄnke. Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten. Nun, ich wär’ es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen; auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrat; aber es füchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste, denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?“

Das Biedermeier geht sparsam mit Ornamenten um. Dagegen klebt sie der Historismus im Übermaß an jede Oberfläche und auch der Jugendstil lebt von seinen floralen Elementen.

1908 - in der Blütezeit des Jugendstils - diffamierte der Wiener Architekt Adolf Loos das Ornament als weiblich, triebhaft und damit primitiv. Seine radikale Publikation „ornament und verbrechen“ macht ihn zum Propheten des modernen Designs:
„evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande.“

Fünfzig Jahre später geißelt der Philosoph Ernst Bloch diese Reinheits-Ideologie und reitet damit der Postmoderne voraus, die das Ornamentale wieder stärker betont:
„Seit über einer Generation stehen darum diese Stahlmöbel-, Betonkuben- Flachdach-Wesen geschichtslos da, hochmodern und langweilig, scheinbar kühn und echt trivial, voll Hass gegen die Floskel angeblich jedes Ornaments und doch mehr im Schema festgerannt als je eine Stilkopie im schlimmen 19. Jahrhundert.“

Und heute? Wir haben uns noch nicht entschieden. Die weltumspannende IKEA-Kultur setzt auf schnörkelloses Design (form follows function), doch viele beklagen die seelenlose Architektur. Vor kurzem behängte das französische Kultusministerium seine Fassade mit einem geradezu rhythmisch ornamentalen Aluvorhang. Und warum ist das Ornament nicht totzukriegen? Ornamente sind Muster, die der Mensch braucht, um die Welt zu erkennen.

Der Mensch – aus Mustern gemacht

Materielle oder immaterielle Muster sind die formbildenden Strukturen, die Alles verbinden. Muster wirken auch auf unsere biologische Organisation. Allen Lebensprozessen liegt Rhythmus zugrunde, – auch dieser ein Muster. Warum wirkt Musik so stark auf uns? Sie besteht aus rhythmischer Schwingung.

Nach Einstein sind Wellen nur dazu da, um den Lichtquanten den Weg zu weisen, und er sprach in diesem Sinne von einem „Gespensterfeld“ oder „Führungsfeld“. Es hat weder Masse noch Energie, es ist reine Information!

Die Physik kennt schon lange keine Feststoffe mehr, nur noch Schwingungen und Wahrscheinlichkeiten. Ist das Ornament Ausdruck subatomarer Strukturen, berührt es uns auf einer elementaren Ebene, jenseits von Gefühlen, Gedanken, Gesten, ja sogar noch jenseits eines wie immer gearteten Zellbewusstseins?

Wo Kunst den Menschen in all seinen Facetten und Bedingungen sichtbar werden läßt, können Muster nicht ignoriert werden.
Für Ernst Bloch ist das Ornament ein Beispiel für diesen Beitrag der Kunst, indem es das Ganze, die Essenz der Welt, zum Vorschein bringt.
„Wir hoffen, eines Tages aus Symmetrien die Weltformel – the theory of everything – herleiten zu können.“ (Prof. Henning Genz in: Symmetrie – Bauplan der Natur)

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