Pattern Project

15. 6. 2011

Ornament und Orient

Das Ornament, seit dem Beginn der Architektur-Moderne geschmäht, erlebt seit einiger Zeit wie­der große Aufmerksamkeit in der Architektur. Es gibt wieder große Projekte mit orna­mentierten Fassaden. Das Ornament, stets durch die Mühlen der Moderne gejagt, mit hohem Rechtfertigungs­aufwand, ist aus diesem Grund vielleicht noch nie so intensiv untersucht worden.
Selbstverständlich ist es allerdings noch lange nicht. Bei Architektenwettbewerben ist meist kein einziger Beitrag mit irgendeiner Art von Ornament.
 
Als Künstlerin arbeite ich seit 20 Jahren am Ornament und beleuchte es unter verschiede­nen Aspekten. 2006 veranstaltete ich in Mannheim eine Ausstellung mit Symposium, wo hauptsächlich bekannte Naturwissenschaftler die Sicht ihres Fachgebiets, meist unter dem Aspekt der Symmetrie, darlegten (mehr unter dem Punkt “Symposium 2006″).
Mit meinem diesjährigen Projekt, mit Vorträgen, Workshops und Ausstellung, stelle ich Naim Nigmatov vor, Architekt und Künstler in einem Land, das noch eine ungebrochene Ornament-Tradition hat.
Natürlich gibt es dort genauso die Moderne – jedoch ohne die Verdammung des Ornaments. Na­türlich gibt es in diesen Ländern auch Kräfte, die genau das Gegenteil wollen: sie lehnen das, was wir jetzt als echt und ausgereift betrachten, ab als 400 Jahre alten Ballast. Doch genau so gibt es dort eine große Wertschätzung der ornamentalen – und handwerklichen – Tradition. Ganz ohne Abwertung als „bloßes Dekor“.
Mir geht es um den Wechsel des Blickpunktes. Andere Werte zulassen, andere Codesysteme, andere Intentionen und Traditionen.
Was kann uns ein handgeschnittenes handgezeichnetes traditionelles Ornament heute noch sagen?
 
Im Laufe der Moderne mit ihren Gesetzen von „form follows function“ und „weniger ist mehr“, geeignet zur sozialen Distinktion (Habitus nach Pierre Bourdieu), wehrte sich als erstes die Post­moderne gegen die von vielen als nackt und kalt empfundenen Baukörper. Sie wollte Affirmation, als Negation der Negation. Die Ironie, der doppelte Code: falsche Unschuld wird vermieden, und zugleich wird zum Ausdruck gebracht, dass es nicht mehr mög­lich ist, unschuldig zu gestalten.
Der digitale Paradigmenwechsel, digitale Planungsprozesse und technische Möglichkeiten der Aus­führung gaben dem Ornament weiteren Aufschwung. Jedoch stets mit einem hohen Auf­wand an Reflexion, mit einem intellektuellen Überbau, mit Zitaten und Rückbezügen.

Mit einem Architekten und Künstler aus Usbekistan, einem Land, wo das Ornament noch lebendige Tradition ist, bekommen wir die Gelegenheit, uns einer ganz anderen Auffassung, einer ganz anderen Repräsentation von Ornamentik zu nähern.
Hierzulande gibt es _wieder Ornament – im Orient _gibt es Ornament.
Können wir uns dem Genuss, der Schönheit dieser traditionellen Gestaltungen hingeben, ohne sie als Kunsthandwerk, als vormodern abzuwerten? Ohne die intellektuelle Distanz der Moderne, die wir hier nicht abschütteln können – ein anderer Strang der Kunstgeschichte?
Naim Nigmatov ist in Buchara geboren und hat an der Pädagogischen Hochschule Buchara Kunst studiert, danach Innenarchitektur in Taschkent. Er ist selbständig als Architekt und Designer tätig, führt neue Moscheebauprojekte durch und gestaltet Innenräume. Gerade beim Thema Moschee­bau erhitzen sich hierzulande die Gemüter, wie auch beim Thema Islam – und wir wollen auch einen Beitrag dazu leisten, einmal genauer hinzusehen und sich positiv zu identifizieren.
 
Gertrud Schrenk, Mannheim, im Mai 2011